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Die Geschichte der jüdischen Familie

Frenkel in Lemgo

Familiengeschichte im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Im Jahre 1862 war Michel Frenkel aus Varenholz mit seiner Familie nach Lemgo gezogen. Nach seinem frühen Tod betrieb seine Witwe Johanne einen Handel mit Tierprodukten. Der Sohn Louis heiratete im Jahre 1896 Laura, geb. Frank. Das Ehepaar hatte vier Kinder: Walter, Mary, Ruth, Hanna und Ernst. Um 1890 hatte die Familie das Haus TB 85 (später: Echternstr. 70) gekauft. An der Stelle eines Vorgängerbaus entstand um 1900 der heutige Backsteinbau. 

Louis Frenkel und sein Sohn Walter führten den Produkten- und Altwarenhandel fort. Im Frenkelschen Altwarenlager wurde um 1900 das wichtigste Dokument der Stadtgeschichte entdeckt: das Privileg Bernhards III. von 1245. Louis Frenkel hatte diese Urkunde und andere Dokumente zuvor von der Stadt erworben, die sie aus Anlaß einer Entrümpelungsmaßnahme als „unnützes Material“ verkauft hatte. 

Laura Frenkel, Schwester eines in Berlin tätigen Rabbiners, gestaltete ein jüdisches Familien- und Alltagsleben. Die jüdischen Rituale wurden eingehalten, jüdische Feste gefeiert. Die Familie gehörte der kleinen Lemgoer Synagogengemeinde an. Laura Frenkel kümmerte sich um Kranke und Bedürftige und bot einen Mittagstisch an.

Die Familie war in die Nachbarschaft gut integriert. Die männlichen Familienmitglieder engagierten sich im Vereinsleben der Stadt. So gehörte Louis Frenkel der Freiwilligen Feuerwehr an, Walter trat der Schützengesellschaft und Ernst dem Turnverein bei.  

Walter Frenkel hatte 1925 Herta Rosenberg aus Dedesdorf (Unterweser) geheiratet. Das Ehepaar hatte vier Kinder: Helga, Karla. Ludwig und Uriel.

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Die Großeltern von Karla Raveh mütterlicherseits: Helene und Theodor Rosenberg (um 1910)

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Karla Ravehs Mutter: Herta Frenkel (um 1920)

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Karla Ravehs Schwester: Helga Frenkel (1927)

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Helene Rosenberg mit ihrem Enkel Uriel, dem jüngsten Bruder von Karla Raveh (1941)

Der Bruch der Nachbarschaft: Verfolgung und Deportation

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann der Bruch der christlich-jüdischen Nachbarschaft. Die Familie Frenkel wurde mit Einschränkungen und Verfolgungsmaßnahmen konfrontiert. Im April 1933 wurde Walter Frenkel wegen seiner Nähe zu ebenfalls verhafteten SPD- und KPD-Anhängern kurzfristig inhaftiert. Die Familienmitglieder wurden aus Vereinen ausgeschlossen bzw. zogen sich aus dem öffentlichen Leben zurück. 

In der Nacht vom 9./10. November 1938 wurden im Haus der Familie Frenkel Fensterscheiben eingeworfen. Walter Frenkel und sein Bruder Ernst wurden verhaftet und ins KZ Buchenwald eingeliefert. Ernst Frenkel wurde dort misshandelt und dabei schwer verletzt. Erst nach einigen Monaten konnte Walter Frenkel nach Lemgo zurückkehren. In den Jahren 1939 bis 1942 wurde das Haus zu einem der sog. Judenhäuser in Lemgo. Zeitweise lebten 14 Menschen in dem kleinen Haus. 

Am 28. Juli 1942 wurden Walter und Herta Frenkel mit ihren vier Kinder Helga, Karla, Ludwig und Uriel sowie den Großmüttern Laura Frenkel und Helene Rosenberg vom Lemgoer Marktplatz aus deportiert. Nach über 80 Jahren wurde die Familie Frenkel gezwungen, ihre Heimatstadt Lemgo zu verlassen. Das Haus wurde nach der Deportation von der Reichsfinanzverwaltung übernommen. Möbel und Hausrat fanden in Lemgo rasch Käufer.

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Herta Frenkel (um 1916)

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Walter Frenkel als Rekrut (um 1916)

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Louis Frenkel als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in Lemgo (um 1925)

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Ernst Frenkel als Mitglied des TV Lemgo (um 1934)

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1934. Ausschluss von Ernst Frenkel aus der freiwilligen Feuerwehr

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1935. Denunziation in der Tageszeitung

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1938. Entlassung aus dem Konzentrationslager Buchenwald

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1938. Verpflichtung zur Änderung des Vornamen

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Schülerinnen und Schüler der Jüdischen Schule in Detmold. Karla Frenkel steht in der letzten Reihe ganz rechts (um 1939)

Opfer des Holocaust

Laura, Walter und Herta Frenkel, ihre Kinder sowie Laura Frenkel und Helene Rosenberg wurden in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort starb Laura Frenkel im November 1942. Bereits im März 1942 waren Ruth, Mary, Hanna und Ernst, die Geschwister von Walter Frenkel, ins Warschauer Ghetto deportiert worden. Dort wurden sie vermutlich im Jahre 1943 ermordet. 

Im Oktober 1944 wurden Walter und Herta Frenkel sowie ihre Kinder Helga, Ludwig und Uriel ins Vernichtungslager Auschwitz gebracht und dort ermordet. Karla blieb zunächst im KZ Theresienstadt zurück, bevor sie auch nach Auschwitz deportiert wurde. Dort überstand sie die berüchtigte „Selektion“ an der Rampe und wurde ins KZ Auschwitz-Birkenau gebracht. Ihre Großmutter gelangte im Februar 1945 mit dem einzigen Transport von Theresienstadt aus, der nicht nach Auschwitz ging, in die Schweiz. Karla wurde im Winter 1944/45 ins KZ Bergen-Belsen und von dort aus in ein Lager nach Salzwedel, ein Außenlager des KZ Neuengamme, transportiert. Dort wurde sie im April 1945 befreit. 

Von der großen jüdischen Familie Frenkel haben nur Karla Raveh und ihre Großmutter Helene Rosenberg den Holocaust überlebt. 

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Die letzte Familienfeier. Die Familien Frenkel und Heinemann aus Anlass der Verlobung von Mary Frenkel und Willy Garty (um 1940)

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Bericht der Schutzpolizei über die Deportation der Lemgoer Juden (1942)

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Karte von Walter Frenkel aus dem Ghetto Theresienstadt

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Die Schicksale der Familie Frenkel aus Lemgo